Die Grundlagen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Mehr als eine Strategie zur individuellen Fitness.
Die Themen der Prävention und Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der wirtschaftlichen, politischen und schlussendlich öffentlichen Debatte getreten.
Ja, Arbeit steht in einem ausgeprägten Zusammenhang mit dem Thema der Gesundheit. Auf der einen Seite haben die Verhältnisse am Arbeitsplatz und die Organisation von Arbeitsabläufen und Arbeitsbedingungen starke Einflüsse auf die Gesundheitserhaltung und -gestaltung. Auf der anderen Seite hat die Abwesenheit von Gesundheit, sprich Krankheit, entscheidenden Einfluss auf die Produktivität und Qualität, die von der Arbeit in einem Unternehmen erwartet werden.
Grundsätzlich gilt es, bevor man sich mit einer Strategie auseinandersetzt, zu überlegen, welchem Bedarf trete ich mit dieser gegenüber. Dies gilt auch für das Betriebliche Gesundheitsmanagement.
40-60 Prozent verbringt der Bundesdeutsche im Durchschnitt auf der Arbeit (Hurrelmann 2004). Das berufliche Setting ist eine alltägliche Umwelt
- in der Gesundheit von Menschen geschaffen und gelebt wird (WHO 1986),
- in der aufgrund ihrer Regelhaftigkeit und Verhältnisse viele Menschen für die Gesundheitsförderung erreichbar sind (Hurrelmann 2004, Naidoo 2003),
- in der die Rahmenbedingungen des Gesundheitsverhaltens effektiv beeinflusst werden können,
- in der eine hohe Motivation erzeugt und aufrecht erhalten werden kann und
- in der vor allem langfristige Interventionseffekte erreicht werden können (Bueren 2002, Kuhn 2004, Roth 2001).
Dass es eine Zielgruppe gibt, ist augenscheinlich. Es sind die 30 Millionen Erwerbstätigen, deren Gesundheitszustände maßgeblichen Einfluss auf die Wirtschaftskraft unseres Landes haben.
Um den Bedarf am Betrieblichen Gesundheitsmanagement weiter zu konkretisieren, sollen folgende Aussagen dienen:
- ca. 50 Prozent der Arbeitnehmer klagen über Stressbelastungen (Hurrelmann 2004)
- ca. 50 Prozent der Arbeitnehmer sind mittelmäßig bis unzufrieden mit ihrer Gesundheit (Bundesgesundheitssurvey 1998)
- ca. 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung weisen eine psychische Störung auf, die im Mittel in 21,4 Tagen teilweiser oder vollständig eingeschränkter Arbeitsproduktivität mündet (Bundesgesundheitssurvey 1998)
- ein Drittel der Arbeitsunfähigkeitsfälle ist arbeitsbedingt einzustufen (Hurrelmann 2004) und
- im europäischen Kontext entstehen ca. 600 Millionen Fehltage in den EU-Mitgliedsstaaten aufgrund beruflich bedingter Erkrankungen (Pelikan 2003).
Die Verhältnisse in der Arbeitswelt und am Markt ändern sich. Auf der einen Seite sind es vor allem der demographische Wandel und die Verlagerung der Belastungsmomente auf das psychische Geschehen, die neue Strategien in der Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz fordern. Auf der anderen Seite steigen die Anforderungen an flexible Unternehmensstrukturen, die Marktgeschwindigkeiten nehmen zu, die Entstandardisierung schreitet fort und die Dienstleistungsansprüche erhöhen sich branchenunabhängig (Hurrelmann 2004, Pelikan 2002).
Wie aufgezeigt, hat das Betriebliche Gesundheitsmanagement also nicht nur den einzelnen Mitarbeiter im Fokus seiner Strategie, sondern auch die Verhältnisse der Arbeitswelt, die den Mitarbeiter umgeben.
Demzufolge ist es bereits zu Beginn der Auseinandersetzung mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement wichtig, der Frage nachzugehen, was sich hinter der „Betrieblichen Gesundheit" verbirgt:
Die Betriebliche Gesundheit ist qualitativ etwas anderes als die Summe der Gesundheit der einzelnen Mitarbeiter. Die Betriebliche Gesundheit ist derjenige Gestaltungsprozess, der auf Basis der unternehmensspezifischen Potenziale die Leistung des Unternehmens bestimmt, sich flexibel und dynamisch an innere und äußere Veränderungen anpassen zu können (Missal, 2005).
Das Maß an Erfolg dieses Prozesses kann als gesunde Leistung definiert werden, die auf den unterschiedlichen Leistungspotenzialen des Unternehmens beruht:
- kognitives Leistungspotenzial
- körperliches Leistungspotenzial
- emotionales Leistungspotenzial und
- organisationales Leistungspotenzial.
Beziehen sich die ersten drei Potenziale auf die Mitarbeiterebene, so ist das organisationale Leistungspotenzial der Unternehmensebene zuzuschreiben, in der es um die Struktur und Organisation der Arbeitswelt geht.
Das Betriebliche Gesundheitsmanagement fokussiert sich demnach, nicht nur auf die körperliche Fitness, um das körperliche Leistungspotenzial zu steigern. Sondern der Erfolg der Betrieblichen Gesundheit entsteht nur dadurch, dass in einer integrativen Strategie alle Potenzialbereiche im Einklang zueinander gestärkt und gefördert werden.
So gilt es innerhalb des Betrieblichen Gesundheitsmanagements stets die auf einen konkreten Bedarf geplanten Maßnahmen zu allen Potenzialbereichen in Beziehung zu setzen.
Zur Verdeutlichung möchte ich folgende Beispiele anführen:
Ein Nordic-Walking-Kurs muss für seinen Erfolg aus der einseitigen Betrachtung des körperlichen Leistungspotenzials herausgelöst werden, denn die Maßnahme wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Mitarbeiter den Sinn und die Inhalte der Maßnahme gegenüber einem konkreten Bedarf verstehen, die Maßnahme als befriedigend erlebt wird und vor allem die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt die Durchführung ohne Widerstände (Zeit, Kosten, Soziales) zulässt.
Eine Rückenschule wird nur dann erfolgreich sein, wenn der zugrunde liegende Bedarf in Form von Rückenschmerzen nicht durch ergonomisch unvorteilhafte Büromöbel verursacht wird. In diesem Falle wird die Rückenschule von den Mitarbeitern über kurz oder lang als wenig sinnvoll verstanden, die Maßnahme wird nicht befriedigend, sondern enttäuschend sein und das Vertrauen in Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung wird verloren gehen. Dies ist das Ende vom Anfang eines wirksamen Betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Das Betriebliche Gesundheitsmanagement stellt somit einen integrativen und vor allem potenzialorientierten Ansatz dar, der neben verhaltens- auch verhältnisorientierte Ansätze und Maßnahmen beinhaltet. Dies ist umso wichtiger, da die Gesundheitswissenschaften den Beleg führen, dass es die verhältnisorientierten Ansätze und Maßnahmen sind, die 80 Prozent des Erfolges präventiver und gesundheitsförderlicher Anstrengungen ausmachen (Hurrelmann 2004, Pelikan 2002).
Zu einem zeitgemäßen Betrieblichen Gesundheitsmanagement gehören somit Angebote, die sowohl auf die unterschiedlichen Potenziale abzielen als auch auf der einen Seite individuelle Verhaltensstrategien stärken und auf der anderen Seite Strukturen und Organisationen in der Arbeitswelt so ausrichten, dass gesundheitliche Risiken frühzeitig identifiziert und verhindert werden können.
Zu den verhaltensorientierten Maßnahmen gehören derzeit in erster Linie:
- Fort- & Weiterbildungen,
- Gesundheits-Checks,
- psychologische & Suchtberatungen,
- Bewegungsangebote,
- Stressbewältigungsprogramme,
- Entspannungskurse und
- Raucherentwöhnungen.
Zu den verhältnisorientierten Maßnahmen gehören:
- Gestaltung des Arbeitsplatzes, der Arbeitsmittel und Arbeitsumgebung,
- Gestaltung der Arbeitsaufgaben, -strukturen & -organisation,
- Gestaltung der Ausführungsbedingungen und
- Gestaltung der hierarchie- und bereichsübergreifenden Informations- & Kommunikationsprozesse.
Damit das Betriebliche Gesundheitsmanagement seinen festen Platz in der Arbeitswelt bzw. Unternehmensführung einnehmen und durch nachhaltige Erfolge sichern kann, ist es in erster Linie notwendig, dass die Anbieter des Betrieblichen Gesundheitsmanagements ihren Fokus auf Maßnahmen der körperlichen Gesundheitsförderung erweitern und neben medizinischen auch psychologische, emotionale, soziale und organisationale Fragen in der Arbeitswelt beantworten können.
Als Vorbild für diese Entwicklung kann der PREMIUM Personal Trainer Club unter Leitung von Eginhard Kieß genannt werden, der bereits seit mehreren Jahren seinen Trainern Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, sich für das Betriebliche Gesundheitsmanagement zu qualifizieren. Zusätzlich zu ihrem KnowHow in der körperlichen Gesundheitsförderung können die Trainer über einen internen Weiterbildungskatalog Wissen und Handlungskompetenzen in den Bereichen der kognitiven, emotionalen und organisationalen Leistungspotenziale erlangen.
Weitere sinnvolle Strategien stellen Fitness- und Gesundheitseinrichtungen dar, die mit Unternehmen Kooperationen eingehen und im Zuge dieser Zusammenarbeit ihr eigenes Programm der körperlichen Gesundheitsförderung mit Angeboten z.B. der Entspannung, Stressprophylaxe etc. erweitern. In jedem Falle ist diese Kooperation allerdings nur sinnvoll, wenn auch die organisationalen Voraussetzungen im Vorfeld gesichert sind. D.h. der Mitarbeiter hat einen niedrigschwelligen Zugang zu diesen Angeboten, wie z.B. als feste und legitimierte Trainingseinheiten im Arbeitsalltag.
Im Kern der systematischen Prävention und Gesundheitsförderung handelt es sich um Projektmanagement. Nicht um Mehr oder Weniger. Im Kontext der Analyse, Definition, Planung, Steuerung, Umsetzung und Evaluation werden Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung so bedarfs- und lösungsgerecht wie möglich umgesetzt, um das Unternehmen bestmöglich in die Lage zu versetzen, auf innere wie äußere Veränderungen flexibel reagieren zu können.
Durch die Kombination von Kompetenzen des Projektmanagements mit den Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften lässt sich über das Betriebliche Gesundheitsmanagement eine Vielzahl von Nutzen für die unterschiedlichen Akteure in einem Unternehmen formulieren.
So erhalten Arbeitgeber durch das Betriebliche Gesundheitsmanagement eine Vielzahl ausgewiesener Möglichkeiten, den wirtschaftlichen Wettbewerb für sich zu entscheiden:
- Senkung der Fehlzeiten und Lohnnebenkosten,
- Rückgang von Fluktuation,
- Erfüllung eines vertraglichen Arbeitsverhältnisses,
- Verbesserung des betrieblichen Klimas und des Unternehmensimages,
- Gewinnung und dauerhafte Bindung qualifizierter Mitarbeiter und
- verbesserte Produktivität & Qualität.
Arbeitnehmer erhalten:
- mehr Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz und darüber hinaus,
- verbesserte Arbeitsbedingungen,
- höhere Arbeitszufriedenheit,
- Verbesserung der Beziehungen zu Kollegen und zu den Vorgesetzten und vor allem eine
- erhöhte Arbeitsplatzsicherheit.
Und auch die häufig vernachlässigten Sozialversicherungsträger und nachgeordneten Behören (BGen & GKVen), die mit der Arbeitswelt in Beziehung stehen, erhalten durch das Betriebliche Gesundheitsmanagement Vorteile: stabile Versicherungsbeiträge. Diese erhalten sie vor allem durch:
- weniger Kosten für Schadensregulation (Therapie-, Umschulungs-, Rentenkosten),
- Reduktion der Leistungsausgaben,
- Mitgliedererhalt und -neugewinnung,
- Verbesserung des Images und der Wettbewerbsfähigkeit und
- Verbesserung des Gesundheitszustandes der Versicherten.
Abschließend gilt also festzuhalten, dass es sich beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement um eine Projektmanagementstrategie handelt, die weit über die körperliche Gesundheitsförderung hinausreicht und somit weitaus mehr Erfolge erreichen kann, als nur die Fitness einzelner Mitarbeiter.
Das Betriebliche Gesundheitsmanagement schafft es sowohl auf Seiten des Unternehmens den wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteil positiv zu beeinflussen, als auch auf der Seite der Arbeitnehmer einen nachhaltigen Beitrag zum Arbeitsplatzerhalt zu leisten und im Kontext dieser Sicherheit körperliche, psychische, geistige und soziale Gesundheit zu fördern.
Für Anbieter bedeutet die Teilhabe am Handlungsfeld des Betrieblichen Gesundheitsmanagements mit Sicherheit noch reichliche Pionierarbeit, die stetige eigene Weiterentwicklung jedoch auch die Chance eine Nische zu besetzen, die bis heute unterbesetzt ist.
Autor:
Stefan Missal MPH
Stefan Missal ist der Geschäftsführer der Management und Gesundheit (M&G Berlin), dem Tochterunternehmen der FreiRaum-Beratung.
Die M&G Berlin unterstützt ihre Kunden mit individuell zugeschnittenen Strategien der Betrieblichen Gesundheitsförderung, durch die Qualifizierung der Mitarbeiter und Führungskräfte vor Ort und schlussendlich durch eine systematische Entwicklung eines passgenauen Projektmarketings.
Der Mensch mit seinen Stärken und Schwächen steht für Herrn Missal im Mittelpunkt seiner Arbeit. Als grundständig ausgebildeter Managementberater und Coach weiß Herr Missal, wie notwendig es ist, über die richtigen fachlichen, psychologischen und sozialen Kompetenzen in der Arbeitswelt zu verfügen.
Wichtig für Herrn Missal ist es, in seinen Veranstaltungen nicht nur stur Strategien auswendig lernen zu lassen, sondern vor allem die neuen Erfahrungen in situationsbezogenen Verhaltensweisen mit den Seminarteilnehmern einzuüben und zu reflektieren. Für diesen Ansatz wurde eigens die praxisorientierte KEV-Methodik® entwickelt.
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